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Eigenen Grenzen erkennen

oder: wann haben Sie zuletzt einen Menschen verändert?

Das ist eine fiese Frage und sie liegt unter meiner Schreibtischunterlage, weil es mir immer wieder sagen (lassen) muss! Blicken Sie auf Ihre Beziehungen zurück, auf Freunde, auf Kollegen, nicht zuletzt auf Schüler*innen, und Sie werden feststellen: nie!

Ein Beispiel aus der Praxis

Mir geht es so, wenn Schülerinnen bei ihrer Berufswahl berücksichtigen möchten, dass sie noch Kinder bekommen und Zeit für ihren Partner haben möchten. Früher habe dann mal gefragt, ob der Vater denn schon feststeht...
Mich ärgert, dass sich Männer niemals so einschränken würden. Nie hat ein Schüler etwas Derartiges gesagt, höchstens neuerdings mal von "work-live-balance" gesprochen, aber mehr auch nicht. Ich denke: Seid doch bitte genauso forsch, fordernd, egoistisch und kompromisslos (bei der Berufswahl)! Es würde wirklich zu anderen Berufe führen, wenn es denn gelänge. Aber die Menschen ändern sich nicht. Sie finden meine Nachfragen oder kritischen Anmerkungen höchstens merkwürdig und unpassend.
Es überschreitet auch meine Grenzen. Das Anliegen ist klar formuliert und ich sollte darauf eingehen, auch wenn es mir nicht passt. Erst dieser Weg ermöglicht dann wiederum ein echtes Interesse von mir an der Person und dann entdecke ich auch wieder Unerwartetes an dem Gegenüber.
Versuchen Sie also nicht, anderen ihre Sichtweise aufzudrängen! Es klappt nicht und die Person findet sie dann auch noch doof.

Andere Grenzen sind aber noch wichtiger: Erkennen Sie, wann Sie nicht mehr weiterhelfen können und andere Hilfe nötig ist! Und formulieren Sie es dann noch so, dass derjenige es auch annehmen kann! Das kommt ziemlich häufig vor, weil leider viele Menschen in diesem Land echte Probleme haben. Es ist für mich erschreckend, wie viele das schon in diesem jungen Alter betrifft.
Die Berufsberatung ist oft die erste Beratungsstelle, die in Anspruch genommen wird, in der die Ratsuchenden nicht selten zum ersten Mal über ihr Gesundheitsprobleme mit "Dritten" sprechen.
Es gibt zwei Gruppen: diejenigen, die ihr Problem schon kennen, und die anderen. Erstere legen mir ihre Diagnosen manchmal wie Zeugnisse vor, hier! Als ob sie froh sind, dass das Ganze einen Namen hat. Manche davon kommen erst später damit heraus, weil sie merken, dass es nicht unwichtig für die Berufswahl ist. Das folgende Beispiel geht auf die Gruppe von Leuten ein, die noch nicht wissen, dass sie ein Problem haben.

Ein Beispiel aus der Praxis

Alle, die viel beraten, merken, glaube ich, schnell, wenn etwas mit jemandem "nicht so richtig stimmt", und die meisten Ratsuchenden haben nach meinen Erfahrungen keine Ahnung, dass das so ist.
Es gibt einige junge Leute, die regelmäßig viel kiffen und glauben, dass man das nicht merkt. Es kommt dann als Reaktion "ja, aber nur ab und zu". Die Motivationsprobleme sehen sie damit in keinem Zusammenhang. Am Anfang rücken Sie zunächst gar nicht damit raus. Das ist für sie ein sehr anstrengendes Gespräch und für mich dann auch, weil es noch mehr Arbeit macht, Vertrauen aufzubauen. Manchmal geht es im ersten Gespräch nicht. Auf das Thema dann irgendwann angesprochen finden die meisten nicht, dass das die Ursache für manche Probleme sein könnte.

Es hilft von anderen in ihrer Situation zu sprechen, dass sie absolut kein Einzelfall sind und was für Erfahrungen ich mit den anderen gesammelt habe. Es dauert manchmal ein Jahr und mehr, bis sie merken, dass sie so nicht weitermachen können. Sie bewerben sich nicht, sie informieren sich nicht, dann ist die Frist doch schon vorbei und so weiter.

Bei dem Suchtproblem, aber auch bei psychischen Erkrankungen ist ein Hauptproblem in der Beratung, dass die Ratsuchenden nicht sehen, dass sie erst körperlich und seelisch gesund sein müssen, weil sie sonst einem normalen Ausbildungs- oder Studienleben nicht gewachsen sind. Sie sind ungeduldig mit sich (und mir) und wollen schon mal alles durchplanen, wenn sie dann und dann wieder gesund sind. Ich neige dazu, da mitzugehen, weil mich die Fristen innerlich auch stressen. Im März denke ich dann, oh je, wenn er sich jetzt nicht langsam bewirbt, dann wird es dieses Jahr auch wieder nichts mit der Lehrstelle, und überfordere ihn eventuell.

Hier ist es, denke ich, nützlich, ein gesamtes Leben vorzuführen, die viele Zeit, die noch vor ihnen liegt, und wie klein dieser Abschnitt gerade ist. Und natürlich empfehle ich ihm entsprechende Beratungsstellen. In eine Ausbildung dürfen Berufsberater*innen der Bundesagentur übrigens nicht vermitteln, wenn es der Gesundheitszustand nicht erlaubt. Er kann sich aber selbständig bewerben.

Wenn die Einschränkungen dauerhafter Natur sind, muss über eine andere Form der Ausbildung nachgedacht werden, zum Beispiel eine mit weniger Theorie oder mit (mehr) sozialpädagogischer Betreuung.
Das hören die Menschen nicht gerne, und ich kann das gut verstehen. Leistungsbereitschaft ist in unserer Gesellschaft eine angesehene Eigenschaft. Sich einzugestehen, dass man manches nicht schafft, ist schwer.

 

Handschlag


 

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